
Gefühle als Therapiekompass
Affekt- & Beziehungsfokussierte Therapien
Die Fähigkeit, Gefühle, vor allem auf primärer Affektebene, wahrzunehmen, zu regulieren und im Kontakt auszudrücken, beeinflusst, wie gut ein Mensch seine Bedürfnisse erkennen und erfüllen kann - was eine zentrale Grundlage für psychische Gesundheit ist.
Die Art, wie ein Mensch gewohnt ist, seine Gefühle zu missachten, zu verbergen oder zu dysregulieren ist daher für eine wirksame Psychotherapie der entscheidende Kompass.
Der individuelle Gefühlskompass als zentraler Therapiekompass
"If you dont feel, it is not a feeling", bringen es führende Emotionsforscher auf den Punkt (wie Solms, Barrett, LeDoux oder Greenberg). Gefühle sind komplexe Phänomene und signalisieren uns, wie gut wir unsere Bedürfnisse befriedigen. Affekte, die Basis aller Gefühle, sind dabei die Quelle unseres bewussten Seins (Solms). Wenn ein Mensch den bewussten Zugang zu seinen affektiven Kräften verliert oder nie ausreichend entwickelt, kann er mit der Zeit erkranken und psychische Störungen entwickeln.
Authentische Gefühle werden nicht zwangsläufig durch Worte gezeigt. Gedanken und Worte sind leicht verfälschbar. Entscheidend ist die unwillkürliche, affektbasierte Körpersprache, wie Atmung, Mimik, Körperspannungen, Ticks und konkrete Verhaltensweisen. Affekte sind angeborene Überlebensprogramme und nicht veränderlich. Lernt ein Mensch durch schmerzliche Erfahrungen in früheren Beziehungskontexten, dass er seine Affekte und Gefühle verbergen oder maskieren muss, können unbewusste Vermeidungs- und Abwehrmuster entstehen, die einem integeren und aufrichtigen Leben im Wege stehen.
In einer sicheren therapeutischen Beziehung, die auch die Körperreaktionen und Übertragungsphänomene einschließt, können diese hemmenden Muster Schritt für Schritt sichtbar und gelockert werden. Dadurch werden sogenannte Affektdurchbrüche möglich: Momente, in denen bisher abgewehrte Affekte bewusst erlebt werden können. Mit den Affekten drängen dann schmerzliche, noch unverarbeitete Wahrheiten ins Bewusstsein. Diese aufdeckende Arbeit im Hier und Jetzt gilt als Königsweg zu unbewussten Bedürfniskonflikten und ermöglichen psychische Veränderung und Gesundung.
Eine wichtige Voraussetzung für diese intensive Affekt- und Beziehungsfokussierte Therapie ist es, dass Therapeut:in und Patient:in gleichwertig, transparent und direkt zusammenarbeiten. In einer videobasierten Therapie kann auch eine gemeinsame, fürsorgliche Videoanalyse schnell entscheidende emotionale Einsichten fördern. Auf diese Weise kann ein Veränderungsprozess, auch auf Ebene der Persönlichkeitsstruktur, schneller als üblich gelingen. Ein individuell stimmiges und erfüllendes Leben wird möglich.
Eine 4. Phase der Psychotherapieoptimierung beschäftigt sich daher nicht mehr mit der Begründung immer wieder neuer Ansätze unter dem Dach einer bestimmten Schule, sondern integriert systematisch schulenübergreifende Befunde in einen allgemein gültigen Prozessalgorithmus, der sich auf die individuelle Art der Affektregulation konzentriert. Der programmatische Titel "Psychotherapie 4.0" zielt neben einer patientenzentrierten Methodenintegration auf einen systematischen Gebrauch videobasierter und damit transparenter Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und vor allem auch den Patient:innen selbst. Digitale Angebote und KI-Anwendungen, sowie Gruppenangebote mit entsprechend geschulten Prozessbegleiter:innen helfen darüber hinaus, Therapien und emotionsbezogene Trainings kostenschonend zu optimieren.
Unter dem Dach der Experiential Dynamic Therapies haben sich Kolleg:innen unterschiedlicher Therapieschulen zusammengeschlossen, um den inzwischen schulenübergreifend anerkannten Grundalgorithmus der Intensive Short-term Dynamic Therapy (IS-TDP), ab den 60er Jahren von Habib Davanloo entwickelt, für rasch, tiefgreifend und anhaltend wirksame Therapien zu nutzen. Hierzulande wird dieser Algorithmus unter dem integrativen Titel Affekt- und Beziehungsfokussierte Therapie (ABT) bekannt gemacht. Auf diese Weise lassen sich bewährte Methoden aus Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Körpertherapie, Systemischer und Humanistischer Therapie entlang dem umfassend evaluierten und aus allen Schulen heraus verstehbaren Prozessablauf verbinden. Präzise und von Moment zu Moment können Methoden auf die jeweilige Patient:innenreaktion abgestimmt werden.