
Gefühle als Therapiekompass
Affekt- & Beziehungsfokussierte Therapien
Die Art, wie ein Mensch gewohnt ist, seine Gefühle wahrzunehmen und sie in authentische und kontextuell passende Handlungen zu übersetzen, ist für eine wirksame Psychotherapie der entscheidende Kompass für die Wahl passender Methoden.
Gefühle sind komplexe Phänomene und signalisieren uns, wie gut wir unsere Bedürfnisbalance halten. Sie sind uns daher bewusst: "If you dont feel, it is not a feeling", bringen es führende Emotionsforscher auf den Punkt, wie Mark Solms, Lisa Feldman Barrett, Joseph LeDoux oder Leslie Greenberg.
Damit wir Gefühle als unseren wichtigsten Kompass nutzen können, müssen sie erst drei Gefühlsebenen durchlaufen, die oft weniger bewusst sind: Sobald Reize über die Sinne eintreffen, verhelfen im Falle von Bedürfnisdysbalancen primäre Affekte zu einer ersten verkörperten Reaktion. Als angeborene Überlebensprogramme signalisieren Affekte, ob etwas gut ist für uns oder nicht und um welche Bedürfnisse wir uns zu kümmern haben ("Nature"). Daraufhin werden biografisch erworbene kognitiv-emotionale Lebensskripte aktiv, die bestimmen, wie diese Affekte gedeutet und weiterverarbeitet werden ("Nurture"). Daraus ergibt sich ein individuell gelernter Gefühlsausdruck über bestimmte Denk‑ Fühl- und Verhaltensweisen (Coping-, Abwehrmechanismen, verbale/nonverbale Kommunikationsmuster), mit denen eine Person gewohnt ist, auf sich selbst und andere in ähnlichen Kontexten zu reagieren ("Narrative").
All das läuft rasch und überwiegend unbewusst ab, weil tausend mal gefühlt, gedacht, gemacht. Im Falle schädigender biografischer Entwicklungseinflüsse können jedoch Affektregulationsstörungen entstehen, die den meisten psychischen, oft auch somatischen Erkrankungen zugrunde liegen. Es gehört daher zur wichtigsten psychotherapeutischen Prozesskompetenz, die drei Gefühlsebenen präzise und kontextbezogen von Moment zu Moment erkennen zu können, um individuell passende Methoden anzubieten.
Wenn dabei die therapeutische Allianz – vor allem die meist unbewussten Übertragungsphänomene – als sicherer Ort für neue Erkenntnisse und affektbasierte Erfahrungen genutzt wird, können hemmende emotionale Angstskripte überwunden und gewohnte Vermeidungsmuster (Abwehren) Schritt für Schritt gelockert werden. So kann es zu Affektdurchbrüchen kommen, bei denen bisher unbewusste Bedürfniskonflikte und schmerzliche Wahrheiten bewusst verstehbar und bearbeitbar werden.
Eine wichtige Voraussetzung für diese intensive Affekt- und Beziehungsfokussierte Therapie ist es, dass Therapeut:in und Patient:in gleichwertig, transparent und direkt zusammenarbeiten. Auf diese Weise kann ein affektiv-kognitiv tiefgreifender Veränderungsprozess, auch auf Ebene der Persönlichkeitsstruktur, schneller als üblich gelingen. Ein individuell stimmiges und erfüllendes Leben wird möglich.
Eine 4. Phase der Psychotherapieoptimierung beschäftigt sich daher nicht mehr mit der Begründung immer wieder neuer Ansätze unter dem Dach einer bestimmten Schule, sondern integriert systematisch schulenübergreifende Befunde in einen allgemein gültigen Prozessalgorithmus, der sich auf die individuelle Art der Affektregulation konzentriert. Der programmatische Titel "Psychotherapie 4.0" zielt neben einer patientenzentrierten Methodenintegration auf einen systematischen Gebrauch videobasierter und damit transparenter Zusammenarbeit mit Kolleg:innen und vor allem auch den Patient:innen selbst. Digitale Angebote und KI-Anwendungen, sowie Gruppenangebote mit entsprechend geschulten Prozessbegleiter:innen helfen darüber hinaus, Therapien und emotionsbezogene Trainings kostenschonend zu optimieren.
Unter dem Dach der Experiential Dynamic Therapies haben sich Kolleg:innen unterschiedlicher Therapieschulen zusammengeschlossen, um den inzwischen schulenübergreifend anerkannten Grundalgorithmus der Intensive Short-term Dynamic Therapy (IS-TDP), ab den 60er Jahren von Habib Davanloo entwickelt, für rasch, tiefgreifend und anhaltend wirksame Therapien zu nutzen. Hierzulande wird dieser Algorithmus unter dem integrativen Titel Affekt- und Beziehungsfokussierte Therapie (ABT) bekannt gemacht. Auf diese Weise lassen sich bewährte Methoden aus Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie, Körpertherapie, Systemischer und Humanistischer Therapie entlang dem umfassend evaluierten und aus allen Schulen heraus verstehbaren Prozessablauf verbinden. Präzise und von Moment zu Moment können Methoden auf die jeweilige Patient:innenreaktion abgestimmt werden.